Stift St. Paulus
Das Stift St. Paulus in Worms war bis zur Säkularisation eines der wichtigsten geistlichen Zentren der Stadt. Zu dem Komplex gehörten neben den Stiftsgebäuden auch die Pfarrkirche St. Rupertus. Seine Ursprünge reichen ins frühe 11. Jahrhundert zurück, als König Heinrich II. dem Bistum Worms bedeutende Besitzungen übertrug. Auf diesem Gelände gründete Bischof Burchard das Stift, vermutlich auf der Stelle der 1002 abgebrochenen Salierburg des Herzogs. Die Anlage wurde zunächst als dreischiffige romanische Pfeilerbasilika errichtet und war eng mit dem Wormser Dom verbunden – sowohl funktional als auch symbolisch durch das Patrozinium des Apostels Paulus als Ergänzung zum Dompatron Petrus.
Bereits im 12. und 13. Jahrhundert erfuhr die Kirche bauliche Veränderungen: In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde ein weitgehender Neubau durchgeführt. Besonders auffällig sind die beiden Turmbekrönungen, die sogenannten „Heidentürme“. Diese im deutschen Raum ungewöhnliche Architektur zeigt orientalische Einflüsse, die möglicherweise im Zusammenhang mit dem Ersten Kreuzzug stehen oder allgemein auf Kulturkontakte des späten 11. und frühen 12. Jahrhunderts zurückzuführen sind. Nach bauhistorischen und dendrochronologischen Untersuchungen wurde der Südturm um 1100–1105, der Nordturm wenig später fertiggestellt, wobei die genaue Datierung in der Forschung umstritten bleibt.
Im Mittelalter entwickelte sich das Stift zu einer festen Größe im kirchlichen und städtischen Leben von Worms, war jedoch auch von Konflikten geprägt. So kam es im 14. Jahrhundert zu Auseinandersetzungen um die Besetzung des Propstamtes und sogar zu Doppelwahlen, die zeitweise kirchliche Sanktionen wie ein Interdikt nach sich zogen. Auch in den Spannungen zwischen Geistlichkeit und Bürgerschaft verließen die Stiftsherren mehrfach die Stadt und suchten Zuflucht im Umland. Dennoch bestand die Gemeinschaft aus Kanonikern und Vikaren über Jahrhunderte fort, wenn auch mit rückläufiger Mitgliederzahl.
Die wirtschaftliche Grundlage des Stifts bildeten vor allem Einnahmen aus städtischem Grundbesitz, Pachtverhältnissen, Mühlenrechten und Kreditgeschäften. Im Vergleich zu anderen geistlichen Einrichtungen war die Ausstattung jedoch eher bescheiden, was den Einfluss der Stiftsherren begrenzte.
Die Reformation führte zu keinem vollständigen Bruch, da das Stift insgesamt katholisch blieb. Einzelne Übertritte sowie wirtschaftliche Schwierigkeiten trugen jedoch zu einem allmählichen Bedeutungsverlust bei. Einen schweren Einschnitt bedeutete die Zerstörung der Stadt Worms im Jahr 1689 während des Pfälzischen Erbfolgekriegs, bei der auch die Gebäude des Stifts stark beschädigt wurden. Das Langhaus der Kirche wurde erst zwischen 1706 und 1716 als flach gedeckter Saal neu errichtet.
Mit der französischen Besetzung und der Säkularisation wurde das Stift schließlich 1802 aufgehoben, womit seine jahrhundertelange Geschichte als kirchliche Institution endete. In der Folgezeit wurden die Gebäude unterschiedlichen weltlichen Nutzungen zugeführt: Von 1880 bis 1929 diente die Anlage als Sitz des Städtischen Museums, später wurde sie als Dominikanerkloster eingerichtet. Nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg im Jahr 1945 erfolgte ein erneuter Wiederaufbau. Bis 01. April 2024 dienen die erhaltenen Stiftsgebäude mit Kreuzgang als Dominikanerklosterkirche St. Paulus und erinnern an die religiöse, soziale und architektonische Bedeutung dieses einstigen Stifts für die Stadt Worms.
Der Westbau mit Achteckkuppel stammt aus dem 13. Jahrhundert. Die steingedeckten Rundtürme ("Heidentürme") zeigen deutlich den orientalischer Einfluss aus der Zeit der Kreuzzüge.